Es war in der dritten Klass
e im Zusatzunterricht Französisch, um schon den Kleinsten das “Savoir-Vivre” näher zu bringen. Er, ein Bär von Mann, wir, Würmer von Kindern, die brav dem Unterricht folgten. Manchmal zog er “Corax”, den Raben, unter dem Lehrerpult vor, eine Handpuppe mit Barett und Schal, die aber nicht darüber hinweg half, was dann geschah. Völlig unvermittelt von jetzt auf gleich wechselte Er zwischen “Je m’ appelle M. Corax!” und “Ça va?” seine Gesichtsfarbe, legte “Corax” weg und schritt durch die Bankreihen. “Wen es jetzt trifft, der darf das nicht persönlich nehmen, aber meine Hand juckt”, raunte er und drohte mit seinen Pranken. Uns blieb nur Augen zu kneifen, Rücken stabilisieren und falls möglich, die Bank dämmen.
Einen traf es tatsächlich immer, einmal auch mich. Ich weiß es noch wie gestern, als meine Rückseite heiß wurde, mein Brustbein vom Aufschlag schmerzte und die Klasse die Luft anhielt. Und obwohl ich es noch so genau weiß, wusste ich es Jahre nicht mehr. Einfach verwischt und nicht mehr da. Dann gab es eine Zeit, da kam es mir wieder in den Sinn und ich war mir nicht sicher, ob es nicht doch eine übertriebene kindliche Phantasie war.
Erst neulich, als ich mit einer alten Schulfreundin zuällig am Schulhof unserer Grundschule vorbei spazierte, fiel der Groschen. Es war wirklich alles genau so passiert, denn sie erinnerte sich noch lebhafter an die sadistischen Glücksspiele im Französischunterricht. Keines, aber wirklich überhaupt keines der Kinder hatte zu Hause davon je ein Wort erzählt.
Als dann eine Mutter-Initiative vor ein paar Jahren gegen ihn vorgehen wollte, war er sowieso im Rentenalter und wurde lediglich ein paar Monate früher pensioniert.
Kein Wunder, dass ich seitdem eine Abneigung gegen Französisch hatte und immer nur noch Vieren mit einem Minus bis Paris schrieb.



Ich habe Angst zu vergessen. Zu vergessen, wie ihr Haar roch. Zu vergessen, wie ihre Stimme klang. Zu vergessen, was ihr Lieblingsessen war. Zu vergessen, dass sie Pizza nicht mochte, weil es das Gericht war, das sie gegessen hatte, als der Anruf kam und man ihr sagte, dass ihr Sohn tödlich verunglückt sei.
Was da ist, trocknet meinen Mund. Was da ist, lässt meinen Atem stocken, mein Herz rasen, meine Wangen glühen, meine Worte verschwinden, mein Leben revue passieren, mich spüren, was ich überhaupt brauche, um morgens aufzustehen. Was mir reicht, um glücklich zu sein. Was du mir gibst…
Alle wollen in die Stadt, ich will genau hier bleiben.