Ich habe Angst zu vergessen. Zu vergessen, wie ihr Haar roch. Zu vergessen, wie ihre Stimme klang. Zu vergessen, was ihr Lieblingsessen war. Zu vergessen, dass sie Pizza nicht mochte, weil es das Gericht war, das sie gegessen hatte, als der Anruf kam und man ihr sagte, dass ihr Sohn tödlich verunglückt sei.
Ich habe Angst nicht mehr zu wissen, wie sie mir die Haare erst zweimal gewaschen und dann stundenlang geflochten hat, weil ich unbedingt Locken haben wollte. Und die Märchen…das Buch vom Wald und dem alten Haus, das sie einfach dem Nachbarskind geschenkt hat, das inzwischen Hip Hop hört, während der Woche Partys auf der Straße schmeißt und MEIN Lieblingsbuch sicher längst bei ebay verkauft hat.
Ich will die Erinnerung behalten. An meine Freundin Sissi, wie sie am Esstisch zu weinen anfing, weil sie sich nicht traute zu zugeben, dass ihr Spinat nicht schmeckte. An Opa und wie ich mit ihm einkaufen ging, heimlich Schokolade oder die Bravo im Einkaufswagen versteckte, die Oma anschließend mit dem Ausruf „Schweinkram“ in die Tonne trat.
Ich möchte die Bilder im Kopf behalten. Die Bilder von meinem Supermarkt in der Ecke neben dem Sofa, wo ich alle Lebensmittel aus Omas Schränken hin trug und ihr für teures Geld zurück verkaufte. Opa hatte mir sogar aus einem Holzbrett eine richtige Kasse gebaut. Und meinem Bruder eine Computertastatur, weil der bei den Großeltern ausnahmsweise mal nicht vor dem Ding sitzen sollte. Und weil unsere Hände noch zu klein waren, um alle zehn Karten beim Romée zu halten, fertigte er in seinem Werkelkeller Karten-Klemm-Bretter an.
Kirchenglocken, Waschküchen-Geruch nach Regen im Hof, lange Sommertage im Garten, schaukeln, die Plastikenten im Teich füttern, Fischfutter in den Ring im Teich werfen, durch die Luft am „Tarzan“-Seil schwingen, Kirschen essen, Erdbeeren essen, Salat essen.
Wasserläufer fangen und in eine Wasserschüssel setzen, Ohrenschleifer aus dem Zelt schmeißen, Opas Geschichten vom „Lampennest“ wieder und wieder hören, Schublade mit Zigarettenhülsen aufziehen. Fotos von Peter sehen, ohne zu begreifen, wie tragisch alles war. Mark Strohecker veräppeln, vor Simon Richter Angst haben. Meinen Bruder an der Schaukel fragen, ob er mich lieb hat und ein barsches „Ja klar“ kassieren.
Auf das Spielhäuschen klettern und bemerken, dass es langsam frisch wird. Zum Esstisch flitzen, wenn Oma ruft. Scooby Doo auf RTL gucken und warten bis Opa von der Nachtschicht kommt, die Heizung anspringt und das Brot aufgetaut ist. Auf Frühstücksbrettern Nutella-Brot mit dick Butter essen. Über Opas „Stinkkäse“ meckern. Opa „Du dumme Nuss!“ beim Tennis gucken fluchen hören. Über Opas Fürze lachen und Omas verärgertes Gesicht abwarten.
Mich so mit Spinat und Fischstäbchen vollstopfen, dass mir schlecht wird und ich mich über das Telefonbuch übergebe. Während „Peter Steiners Theaterstadl“ Opa „verbotzen“ und von Oma gekrault werden. Unter dem Tisch auf dem Boden einschlafen und schlaftrunken von Opa die Treppe hoch getragen werden.
Mit den Sofapolstern und dem Tisch eine Höhle bauen und sich darin verstecken. Modenschau mit Omas Kleidern machen. Theaterstücke einstudieren, Lieder auswendig lernen und eine Premierenfeier veranstalten. Papiersuppe kochen. Papierkuchen backen. Unsichtbare Bowle ausschenken. Unbeschwert sein…
November 24, 2009 um 2:24 pm |
Irgendwie ist alles Teil des Lebens, mit der Vergangenheit kalrzukommen ist ein schwieriges Unterfangen, aber es geht eben nicht zurück. Egal ob man schlechte Zeiten vergessen will oder gute zurücksehnt. Man muss damit zufrieden sein, dass man so viel erlebt hat und die schönen Erinnerungen behalten. Und weiterleben.
November 24, 2009 um 4:38 pm |
Da hast du wohl recht lieber Schaps…
Mai 5, 2010 um 12:12 pm |
habe grade über das gedankendepot hergefunden – und bin sehr froh darüber – schöner blog!
und dieser text ist großartig; da wurden ne menge bilder wach.. du hast ne tolle art zu schreiben!
Mai 5, 2010 um 1:18 pm |
Huh semisuicidal,
das freut mich aber sehr, vielen Dank!
Leider ist mein Blog in letzter Zeit etwas verwaist…sollte ihn mal wieder füttern.
Liebe Grüße